Niederlande

Bahnhof Zwolle

STANDORT
Zwolle, Niederlande
ARCHITEKT
Jeroen Eulderink, Arcadis
JAHR
2016
PRODUKTE
Plural Mischmosaike

Bahnhof Zwolle

Ein Canyon in Holland

Zwischen dem Antelope Canyon und dem Bahnhof im niederländischen Zwolle scheinen Welten zu liegen. Doch nicht für Jeroen Eulderink von Arcadis. Als er damit beauftragt wurde, den Fußgängerbereich unter den Bahnsteigen und Gleisen des Bahnhofs Zwolle neu zu gestalten, fiel ihm der faszinierende Canyon im Südwesten Arizonas ein.

So wie sich der Antelope Canyon seinen Weg durch den Wüstensandstein gräbt, während das Licht von oben in ihn scheint, bahnt sich die Unterführung ihren Weg durch den holländischen Lehmboden mit großen Öffnungen zu den darüberliegenden vier Bahnsteigen, durch die das Tageslicht hereinfällt. Die Unterführung ist 17 m breit und 3,5 m hoch. Durch ihre Länge von 120 Mm wird sie aber unweigerlich als ein gestreckter Raum wahrgenommen, sodass Eulderinks Bezug zu einem Canyon sofort nachvollziehbar wird. Und da Eulderink ihn so hell wie möglich gemacht hat, ist der Canyon von Zwolle zu einem einladenden Ort geworden.
Aus der Assoziation mit einem Canyon entstand die Idee, die Wände mit einem horizontalen Band kleiner Fliesen von Agrob Buchtal zu versehen. In Weiß und in zwei Grautönen, vergleichbar mit den Schichten des Navajo Sandsteins in der US-amerikanischen Wüste.

Der Fußgängertunnel ist Teil eines größeren Umgestaltungs- und Ausbauprojekts des Bahnhofs. Hierzu gehören auch neue Überdachungen über den Bahnsteigen. Sie tragen dem erhöhten Zugverkehr Rechnung, zu dem es insbesondere seit der Einrichtung der schnellen Direktverbindung nach Amsterdam 2012 gekommen ist. Für die zusätzlichen Gleise wurde ein weiterer Bahnsteig gebaut. Derzeit ist Zwolle der zweitgrößte Bahnknotenpunkt in den Niederlanden.
Das hat zur Komplexität des Bauprojekts beigetragen, da alle Arbeiten durchgeführt werden mussten, während dieser geschäftige Bahnhof fast die ganze Zeit über voll in Betrieb blieb. In der ersten Phase fanden die Aushubarbeiten und der eigentliche Bau des Tunnels unter den vorhandenen Gleisen statt. Ein erheblicher Teil liegt unter dem Grundwasserspiegel, sodass eine Entwässerung und Abdichtung erforderlich waren. Die innovativste und auch gewagteste Phase des Bauprozesses war die Konstruktion der großen Platten, die die Gleise tragen. Diese vier Platten wurden zunächst auf einer Baustelle direkt neben dem Bahnhof hergestellt. Während einer kurzen Unterbrechung des gesamten Zugverkehrs von neun Tagen wurden sie dann durch den Tunnel zu ihrem endgültigen Platz gebracht. Die Zementplatten mit einem Gewicht zwischen 1.000 und 1.400 Tonnen wurden auf riesigen, selbstfahrenden Transportern, wie sie auch für große und schwere Teile auf Werften eingesetzt werden, gerollt.

Es besteht ein großer Gegensatz zwischen den extrem schweren Hebearbeiten, die für den Bau des Tunnels erforderlich waren, und dem Ergebnis, das fast mühelos wirkt. In dieser Hinsicht kann man sich kaum einen größeren Kontrast zwischen dem Ausmaß und der Wuchtigkeit der Konstruktion und dem entscheidenden Element der Tunnelarchitektur, einer gerade mal 2,5 cm x 2,5 cm großen Mosaikfliese vorstellen, welche die Tunnelwände auf der gesamten Länge akribisch genau bedeckt, ein Beweisstück der Fähigkeiten des Fliesenlegers.
Das kleine Mosaik gibt diesem großformatigen Projekt eine feine Körnung. Eulderink schätzt den matten Glanz der Fliesenoberfläche und ist von dem Farbprogramm begeistert, aus dem er wählen konnte – selbst wenn er letztendlich eine fast vollständige Abwesenheit von Farbe wählte. Die Entscheidung für Keramik war für ihn eine ganz selbstverständliche. Durch die intensive Nutzung des Tunnels waren Robustheit und Pflegeleichtigkeit Grundvoraussetzungen.

Das horizontale Muster des Mosaiks wird durch ein fortlaufendes Stahlband betont, das die Wände in zwei Bereiche teilt. Im unteren das Gewimmel der Fahrgäste und darüber eine Zone, die Beschilderungen und Reiseinformationen Platz bietet. Zusätzlich zu diesem Band gibt es einen fortlaufenden horizontalen Lichtstreifen entlang der Tunnelwände. Er setzt sich an den Decken der Unterführungen fort und erscheint außerdem auf gleicher Höhe an den freistehenden Glasaufzugschächten.

Der Tunnel beginnt und endet mit Treppen, Rolltreppen und Aufzügen, die die Reisenden in den Canyon führen, in dem es drei Zugangsbereiche zu den verschiedenen Bahnsteigen gibt. Über dem Tunnel sind die Bahnsteige teilweise aus Glas, um für noch mehr Licht zu sorgen. Hier setzt sich das Mosaik aus Querstreifen auch in senkrechter Richtung fort.

Dank der abgerundeten Ecken sind die Übergänge zwischen den Wänden sanft, was zum Canyon-Effekt beiträgt. Als wären die Wände tatsächlich Gesteinsschichten, die der Fluss über eine lange Zeit hinweg ausgewaschen hat.

In eine Wand wurde ein über 5 Meter breiter Bildschirm integriert, auf den eine standortspezifische Videoinstallation mit dem Namen Time Tunnel (2015) projiziert wird. Dieses Videokunstwerk, das im Tunnel selbst gedreht wurde, ist eine vier Stunden lange Reise durch die Zeit, die von Ram Katzir, Chaja Hertog und Nir Nadler mit der Unterstützung von 500 Laienschauspielern umgesetzt wurde. Es ist Teil ihres übergreifenden Kunstprojekts „Portal“, das den Bahnhof mit der Innenstadt von Zwolle verbindet.

Zwischen den Treppen zu den Bahnsteigen hat der Tunnel ein speziell gefertigtes Deckensystem aus Stahlkassetten mit integriertem dynamischem Farblicht. Dies sorgt für einen wechselnden Rhythmus von Räumen, die mal höher und mal niedriger sind, und von Lichtverhältnissen mit Tages- und Kunstlicht. Neben Gelb und Blau, die zur Markenidentität der staatlichen Eisenbahngesellschaft NS gehören, ist das farbige Licht der Decken die einzige Ausnahme in der sonst absichtlich zurückhaltenden Architektur. Aufgrund des Trubels zu Stoßzeiten, der Bahnhöfe generell und größere Bahnhöfe wie den von Zwolle im Besonderen kennzeichnet, ist die Entscheidung, eine Architektur der Ruhe zu erschaffen, eine gute gewesen.

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Fotograf: Marcel van der Burg