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Franziska Albrecht, Business Development Managerin bei Madaster Deutschland, über den neuen Materialpass

Material braucht eine Identität

Kaum jemand weiß heute, welche Materialien in einem Gebäude stecken, und meist sind auch keine Details zu deren Mengen, Umweltbilanzen und Recyclingeigenschaften bekannt. Also landen beim Gebäudeabbruch große Teile der Baustoffe auf dem Müll. Die Online-Plattform Madaster versteht sich als Materialpass, der alle relevanten Informationen speichern und damit Kreisläufe schließen kann. Wir sprachen mit Franziska Albrecht, Managerin Business Development, über Ziele, Möglichkeiten und Funktionsweise der Plattform, die das Potenzial hat für „die Vermessung der Welt“.

Es ist hinlänglich bekannt, dass die Ressourcen der Erde endlich sind. Was muss sich ändern, damit die Idee der Kreislaufwirtschaft im Bausektor größere Verbreitung findet?
Die Menschen müssen vor allem langfristiger denken und alle Auswirkungen und Eigenschaften von Produkten, Objekten und gebauten Strukturen bis zum Ende des Lebenszyklus berücksichtigen. Wenn wir das tun, treffen wir andere Entscheidungen – egal, ob als Produkthersteller, Projektentwickler oder Planer. Für das zirkuläre Bauen brauchen wir verantwortungsvoll entwickelte und hergestellte Produkte, die am Ende leicht demontiert und wiederverwendet oder auch recycelt werden können. Vielen Eigentümern und Bauherren ist leider oft weder bewusst, welche Schätze in ihren Häusern schlummern, noch welche Klimaschutzanforderungen sie vielleicht schon bald erfüllen müssen.

Zirkuläres Bauen gerät zunehmend in den Fokus, weil die Umwelt-Regulatorien immer weitreichender werden. Welchen Beitrag kann die Online-Plattform Madaster hier leisten?
Wir geben den Materialien eine Identität und begreifen sie als Ressource, die wir immer wieder in den Kreislauf einbringen. Madaster bietet die Möglichkeit, digitale Zwillinge von Gebäuden und ihrem Inventar zu erstellen, um so einen klaren Überblick über die verwendeten Bauteile und Materialien zu bekommen. Sehr hilfreich ist dies zum Beispiel bei der Erstellung und Auswertung von DGNB- oder BREEAM-Zertifizierungen. Oder wenn es darum geht, Ökobilanzierungen oder Ökofinanzierungen abzubilden. Oder bei Nachhaltigkeitsbewertungen im Rahmen der EU-Taxonomie, die Banken zwingt, sich mit wirklich „grünen“ Finanzierungen auseinanderzusetzen. Zirkularitätswerte spielen hierbei eine entscheidende Rolle – in den Niederlanden beispielsweise gewähren Banken inzwischen vergünstigte Kredite, wenn Gebäude nachweislich zirkulär gebaut werden. Und schließlich plant die Bundesregierung den digitalen Gebäuderessourcenpass, der durch die Ausweisung aller Baustoffe in einer Immobilie die Kreislaufwirtschaft fördern soll und für den ein digitaler Zwilling unerlässlich sein wird.

„Sie müssen lediglich eine BIM(IFC)- oder Excel-Datei hochladen. Madaster verarbeitet diese Informationen automatisch zu einem vollständigen Materialpass“, verspricht Madaster auf seiner Homepage. Welche Voraussetzungen müssen diese Ursprungsdaten erfüllen?
Am besten geeignet sind BIM-Modelle, die den gängigen allgemeinen Standards entsprechen – etwa der Materialklassifikation nach DIN 276. Außerdem müssen Materialinformationen, geometrische Angaben sowie der IFC-Typ hinterlegt sein.

Welche Informationen bietet der Materialpass?
Die Nutzer, in der Regel die Gebäudeeigentümer, bekommen eine Auflistung und Umweltanalyse aller Materialien und Produkte mit Angaben zu deren Art, deren Qualitäten und Quantitäten sowie zu deren Zirkularität – jeweils unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus. Wo kommen die Materialien her und wie lange sind sie haltbar? Sind sie demontierbar und wiederverwertbar? Lassen sie sich recyceln oder müssen sie deponiert werden, wenn ein Gebäude oder Teile davon rückgebaut werden? Hinzu kommen die Umweltdaten: Wie viel CO2 und graue Energie stecken in den Materialien und Produkten? Wie viel Energie oder Süßwasser wurden benötigt, um sie herzustellen? Gibt es ein Toxizitätspotenzial? Wir erstellen aber auch Restwertberechnungen – gegliedert nach Gebäudeschicht oder Materialfamilie. Ist dieser Wert bekannt, erhöht sich eventuell auch der Wert der Immobilie. Der Materialpass besteht am Ende aber nicht aus einem Blatt Papier, denn sämtliche exportierten Daten sind lediglich eine Momentaufnahme. Er steckt vielmehr in der Online-Plattform selbst. Sie dient als eine Art dynamischer Materialpass, der durch jede spätere Veränderung automatisch aktualisiert wird.  

Welche Vorteile haben Planer, die mit Madaster arbeiten?
Wird Madaster als Planungstool eingesetzt, können Architekten und Bauherren die erstellten Analysen nutzen, um gemeinsame Planungsziele effektiver und schneller zu erreichen, aber auch um zirkuläre Alternativen zu finden und zu vergleichen.

Gibt es bestimmte Gebäudegrößen und -typologien, die sich besonders gut für Madaster eignen?
In erster Linie verzeichnen wir Großprojekte großer Bestandshalter, die sich im Bereich des zirkulären Bauens engagieren. Madaster eignet sich aber auch für alle anderen Typologien bis hin zum Einfamilienhaus. Unser Ziel ist ein digitales Materialkataster, das einen vollständigen Überblick über die komplette urbane Mine gibt. Aus diesem Grund analysieren wir auch Infrastruktur- und Freiraumprojekte – also auch Brücken, Tunnel, Straßen und Plätze. Selbst in Parks gibt es Materialien, die regelmäßig ausgetauscht werden müssen. Denken Sie nur an Bodenbeläge und Mobiliar. Wir können all diese Dinge nicht immer wieder neu produzieren. Schließlich sind die Ressourcen im geschlossenen System unseres Planeten nur begrenzt verfügbar.

Welche Rolle spielen Innenausbauten und Möblierungen bei Madaster?
Wir betrachten die Gebäude als Ganzes, und da ist es absolut wünschenswert, auch Möblierungen und Innenausbauten zu berücksichtigen. Nicht zuletzt, weil es gerade dort die schnellsten Umbauzyklen gibt, während die Baukonstruktionen meist wesentlich längere Zeit überdauern. Bei genauer Kenntnis der Materialqualitäten könnten bei Umbauten sicherlich viele Wand- und Bodenbeläge länger erhalten bleiben.

Keramik ist ein ausgesprochen robustes, langlebiges und gesundheitlich unbedenkliches Material. Welche Ergebnisse finden sich bei Madaster, wenn man nach Keramikfliesen und Fassadenkeramik sucht?
Über Keramikfliesen erhält man in der generischen Datenbank zum Beispiel die Auskunft, dass sie eine funktionale Lebensdauer von 50 Jahren haben, dass sie zu 100 Prozent aus nicht erneuerbaren Rohstoffen bestehen und dass sie zu 80 Prozent recycelt werden können. 

Wie detailliert werden die Materialdaten von Keramik erfasst?
Je umfangreicher die Informationen zu Bauteilen, Produkten und Materialien sind, desto präziser sind auch die Auswertungen für die Anwender und desto besser kann man im Rückbau die Verwertbarkeit der Baustoffe bewerten. Im Hinblick auf Keramik werden beispielsweise Fliesendicken, Beschichtungen oder deren mineralische Bestandteile angegeben.

Woher stammen die Grundlagen, die Sie zur Analyse der eingegebenen Daten benötigen?
Die produktbezogenen Daten erhalten wir von den Herstellern. Geben Nutzer Daten ein, zu denen keine Informationen vorliegen, berechnen wir Durchschnittswerte, die sich unter Umständen aus den bereits erfassten EPDs ergeben. Darüber hinaus kooperieren wir mit Betreibern von Datenbanken und Datenbanksystemen. Die Plattformen ÖKOBAUDAT, EPEA und Building Material Scout zum Beispiel stellen uns Umweltdaten zur Verfügung. Natürlich verfügen wir auch über eigenes Know-how. Unser interdisziplinäres Team setzt sich aus Spezialisten der Bereiche Planung, Bau, IT und BWL zusammen. So können wir Informationen gut bewerten und verarbeiten, aber auch die Fragen der Nutzer beantworten.

Lässt sich in der Datenbank prinzipiell danach suchen, in welcher Stadt oder Region von einem Material am meisten verbaut wurde?
Unternehmen haben durch Madaster die Möglichkeit eines Track-and-Trace ihrer Produkte. So können beispielsweise Fliesenhersteller ganz einfach nachverfolgen, wo welche Mengen ihrer Produkte verbaut wurden. Unser Ziel ist es außerdem, einen Teil der Materialkatasterdaten in anonymisierter aggregierter Form öffentlich zugänglich zu machen. Das heißt, dass bestimmte Werte nur quartiersweise sichtbar sind. Eigentümer von Accounts können ihre Daten auch aktiv veröffentlichen. Ein Beispiel: Heidelberg ist auf dem Weg zur Circular City und hat Madaster zur Bewertung des Patrick Henry Village genutzt, das zum Teil saniert und zum Teil rückgebaut werden soll. In diesem Zusammenhang kam die Frage auf: Wie viel von welchem Material steckt eigentlich in den Gebäuden und mit wie viel Abfall müssen wir rechnen? Von der genauen Analyse des gesamten Gebäudebestands hing letztlich ab, ob es sich lohnt, dort ein temporäres Zementwerk aufzubauen, um das Abbruchmaterial aufzubereiten.

Wer sind die Eigentümer der Daten?
Die Eigentümer des Projekts sind auch die Eigentümer der Daten. Sie bestimmen, wer Zugriff haben darf, und können auch nur Leserechte vergeben – zum Beispiel, wenn es darum geht, eine Immobilie zu verkaufen und Interessierte über die Gebäudeperformance zu informieren. Dagegen können sie für Planungen beauftragten Architekten vollen Zugriff gewähren.

In welchen Ländern ist Madaster aktuell vertreten und welche zukünftigen Märkte sehen Sie?
Aktuell sind wir in den Niederlanden, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz, in Belgien und in Norwegen vertreten. In Deutschland sind wir zwar seit zwei Jahren aktiv, aber erst seit einem Jahr können Gebäude registriert werden. Innerhalb dieses Jahres haben wir bereits 1.000 Gebäude erfasst. Bei unseren international geführten Gesprächen verspüren wir sehr oft eine extreme Aufbruchstimmung, sodass wir zuversichtlich sind, im Sinne des zirkulären Bauens bald auch in anderen Ländern Europas und der Welt Fuß zu fassen.

Interview: Roland Pawlitschko



Madaster ist ein digitales Kataster für Materialien in Neubauten, Bestandsgebäuden und Infrastrukturen, das 2017 von Pablo van den Bosch und Martijn Oostenrijk in den Niederlanden als Stiftung ohne Gewinnerzielungsabsicht gegründet wurde – auf Grundlage einer Idee des Architekten Thomas Rau. Die Online-Plattform ist in sechs europäischen Ländern jeweils mit Innovationspartnern aus unterschiedlichen Bereichen der Baubranche aktiv: darunter Planer, Berater, Projektentwickler, Bestandshalter, Investoren und Finanzinstitute, aber auch Produkthersteller, Abbruch- und Rückbauunternehmen. International sind aktuell 16 Millionen Quadratmeter erfasst, das entspricht ungefähr 4.000 Gebäuden.
 

 

 

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Franziska Albrecht ist Managerin Business Development bei Madaster. Während ihres Studiums der Gesellschafts-und Wirtschaftskommunikation sowie Landschaftsarchitektur setzte sie sich intensiv mit den unterschiedlichen Facetten nachhaltigen Handelns auseinander. Erfahrungen mit Planungs- und Bauprozessen sammelte die Berlinerin anschließend in verschiedenen Landschaftsarchitekturbüros. Seit 2022 ist sie bei Madaster Deutschland Ansprechpartnerin für die Bereiche Architektur und öffentliche Hand.

Für das zirkuläre Bauen brauchen wir verantwortungsvoll entwickelte und hergestellte Produkte, die am Ende leicht demontiert und wiederverwendet oder auch recycelt werden können.

– Franziska Albrecht